Fettsucht und Fitsucht

„Dick und Doof ergänzen sich prächtig, und Fix und Foxi sind sowieso unzertrennlich. Bei Fit und Fett ist das anders. Sie haben nichts gemeinsam, bewegen sich zunehmend in verschiedenen Welten. Gegensätze ziehen sich an? Nicht bei Fit und Fett. Wenn sie Gefühle füreinander zeigen, dann nur schlechte. Unverständnis ist noch das harmloseste. Öfter kommen Häme und Neid vor.“ (FLORENTINE FRITZEN; faz. net)

Während einerseits die Zahl der Übergewichtigen steigt, wächst anderseits die Zahl der „Fitten“: „Wer mitten in der Stadt oder draußen im Wald spazieren geht, sieht sie rennen, Liegestütze machen, Schattenboxen, nach Feierabend auf dem Kinderspielplatz Klimmzüge üben. Wer mit ihnen im Büro arbeitet, sieht sie morgens die Treppe hoch sprinten, ständig die Werte des Fitnessarmbands kontrollieren und abends zum Dynamic Yoga, Energy Cycling oder Speedminton entschwinden. In die Kantine gehen sie nie. Dann schon lieber Mittagspause im Internet, wo sie Trainingsergebnisse und Trainingspläne austauschen. Manche posten Selfies von der derzeitigen Bizepsbeschaffenheit und Filme mit viel Ächzen, Schwitzen, Stöhnen. Also viel Leistung. Immer weniger Leute rauchen, immer mehr verzichten auf Alkohol und Zucker, immer mehr leben komplett clean und detox, also so gut wie ohne Gifte. Der Markt der Bioprodukte wächst, ein Ende ist nicht absehbar.

Bei den Erwachsenen kochen oder ordern die einen Gerichte mit viel Gemüse und wenig Zusatzstoffen. Die anderen schieben panierte Discounter-Fertigkost in den Ofen und verfeinern mit Mayonnaise.

(…) bei den Fitten ist es das Gefühl, dem eigenen Körper etwas Gutes zu tun, nicht zuletzt durch Verzicht. Ihm durch die gesunde Kost Vitamine und Mineralstoffe zu schenken, auf dass er so frisch wird wie der gerade verzehrte Gemüsesmoothie selbst. Auch dieses Gefühl ist kein Selbstläufer. Um es aufrechtzuerhalten, will der gesunde Lebensstil gepflegt sein. Die Fitten müssen sich also mehr anstrengen als die Fetten, aber sie werden dafür dauerhafter belohnt. Nicht nur mit einem guten Befinden, sondern auch mit dem Wissen: Ich schaffe etwas, was andere nicht schaffen. Fit zu sein macht selbstbewusst.

Auch haben die Fitten die Politik auf ihrer Seite. Unermüdlich entwerfen Ministerien Programme, und die Guten werden belohnt. In der Kita gibt es eine Urkunde für den zuckerfreien Vormittag, im Altersheim ein Lob für den Tanzkurs, im Job eine Prämie fürs Fahrradfahren zur Arbeit. Mit der Prävention dringt die Politik auch in Arztpraxen, Krankenkassen und Schulen ein. Strafen wie eine Junk-Food-Steuer gibt es noch nicht, obwohl sie hin und wieder auch deutsche Politiker fordern. Aber strenge Hinweise wie Kalorienangaben auf Verpackungen setzen sich durch. Der Rückgang des Rauchens zeigt, dass Aufklärung etwas bewirkt. Aber dasselbe Beispiel zeigt, dass sich Raucher mitunter diskriminiert fühlen. Kommt bald eine flächendeckende Kampagne gegen Übergewicht? Ist Fettsucht das neue Laster, das ausgerottet werden muss?

Dabei übersehen wir aktuell, dass die Fitten manchmal krankhaft übertreiben. Sportsucht und Orthorexie, die manische Beschäftigung mit gesundem Essen, sind noch recht selten. Aber sie verbreiten sich! Noch sind sie nicht als eigenständige Krankheiten anerkannt. Aber auch das wird kommen.“ (Artikel aus FAZ. Net vom 3.11.2015 und brandaktuell)

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